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Was ist eigentlich mit dem (alten) Begriff "Beichte" gemeint und wie ist er zu füllen? Was soll der Sinn / das Ziel der Beichte sein? Dann ist die Frage interessant und für eine Lösung des Problems unumgänglich, warum die Beichte heute eigentlich so dermaßen an Bedeutung verloren hat. Warum können so viele Menschen (Christen wie Nichtchristen) nichts mehr mit der Beichte anfangen? Natürlich ist auch wichtig zu fragen, wie man die Beichte für sich persönlich umsetzen kann. Was für Formen der Beichte gibt es? Das dürften in etwa die Fragen sein, die im folgenden (hoffentlich) beantwortet und geklärt werden.
Was ist eigentlich unter "Beichte" zu verstehen?
Wahrscheinlich denken die meisten, wenn sie "Beichte" hören, an die römisch-katholische Kirche und ihrem Beichtstuhl, dem Beichtvater usw. einschließlich der dazugehörigen Witze. Tatsächlich ist die Beichte in der römisch-katholischen Kirche sehr viel präsenter als z.B. in der Evangelischen Kirche, wo das Wort Beichte mancherorts schon lange nicht mehr gefallen ist. Oft hört man auch in der röm.-kath. Kirche das Wort "Bußsakrament", das dann pseudonym für Beichte gebraucht wird.
Der erste Schritt, sich dem Thema "Beichte" zu nähern, dürfte der sein, sich einerseits nicht von den alten Begriffen abschrecken zu lassen und andererseits die Vorurteile über die Beichte erst einmal über Bord zu werfen. Es stimmt, daß der Begriff "Beichte" ziemlich alt ist und leider mit negativen Erfahrungen behaftet ist. Gerade deshalb will ich aber nicht einen neuen Begriff finden, sondern versuchen, den Begriff (neu-) positiv zu füllen. Einen neuen Begriff zu finden, ist auch alles andere als leicht, denn erstens bezeichnet der Begriff "Beichte" einen ganzen Vorgang und zweitens hat die Tradition nicht umsonst den Begriff so umfassend gebraucht, sondern weil er große Bedeutung für die Christen hatte. Lassen Sie sich also auf die Begriffe ein und sie werden am Inhalt sehen, was sie eigentlich sagen wollen! (Vielleicht fallen Ihnen ja selbst neue Worte für "Beichte" ein.)
Dann ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, was der ursprüngliche und nützliche Sinn der Beichte war und bis heute noch ist bzw. sein sollte. Der Stellenwert der Beichte in der röm.-kath. Kirche und die ausgedehnten Streitereien darüber in der Reformationszeit machen nochmals deutlich, wie hoch die Beichte eingeschätzt wurde. Dazu gehört aber auch die Frage, wie es kommen konnte, daß trotz dieser Wichtigkeit, die Beichte so dermaßen an Bedeutung v.a. in der Ev. Kirche verloren hat, so daß sie teilweise sogar ganz aus dem Blickfeld verschwunden ist.
Was soll der Sinn der Beichte sein?
Leider kann ich keinen historischen Gesamtüberblick an dieser Stelle bieten. Ich denke aber, daß es sowieso viel wichtiger ist, möglichst schnell zu dem vorzustoßen, was die Beichte eigentlich will. Deshalb gehe ich gleich zur Reformationszeit, in der durch die vielen Streitereien zum einen sehr klar wird, was Beichte will, und zum anderen v.a. dort die heute mehr denn je zu spürende Fehlentwicklung in der Ev. Kirche ihren Lauf nahm.
In Luthers Kleinem Katechismus steht zur Frage "Was ist die Beichte" folgendes: Die Beichte hat zwei wichtige Funktionen
1. Man darf in ihr die eigenen Sünden bekennen.
2. Man darf in ihr die Vergebung (altmod. "Absolution") der Sünden empfangen. Die Vergebung der Sünden wird einem darin zwar von demjenigen zugesprochen, der die Beichte hört, aber nicht in dessen Namen, sondern in Gottes Namen. Das heißt nichts anderes, als daß Gott die Sünden vergibt, nicht der Mensch, dem wir unsere Sünden in der Beichte anvertrauen.
Darauf folgt noch ein bemerkenswerter Nebensatz und zwar, daß man bloß nicht daran zweifeln soll, daß einem die Sünden von Gott vergeben wurden, sondern daß man fest daran glauben soll, daß "die Sünden auch wirklich durch die Beichte vor Gott vergeben sind".
Die Reformation war bemüht, "die Beichte wieder als Heilsmittel [Sakrament], also als Leben schaffendes Geschehen zur Geltung zu bringen" (Härle,S.567).
Mit diesen Aussagen finden wir uns mitten im Kern des christlichen Glaubens wieder. Es geht direkt um das, was Gott für uns getan hat: Jesu Geburt, sein Sterben am Kreuz und seine Auferstehung zur Vergebung unserer Sünden. Härle sagt dazu sogar: Das ausgesprochene Sündenbekenntnis [also die Beichte] ist der erste, entscheidende Schritt zur Entmachtung der Sünde. Natürlich kann das nur dann geschehen, wenn man auch bereit ist, die Vergebung der Sünden durch Gott zu glauben, zumindest für möglich zu halten und anzunehmen. Fühlt man sich allerdings in keiner Weise irgendwie schuldig oder bedrückt, kann man sich auch schlecht die Befreiung davon wünschen. Aber welcher Mensch fühlt sich nicht (irgendwann einmal) schlecht (was auch immer dieses "schlecht" im Einzelnen bedeuten mag)? Entweder erkennen wir die Herrlichkeit und den Glanz Gottes im Glauben oder in einem ersten Glaubensakt, die uns dann unsere Schuld und Sünde bewußt machen. Oder wir hören in uns hinein, stoßen dann vielleicht auf ein Unbehagen, ein schlechtes Gewissen oder Unzufriedenheit, die viele (uns bewußt oder unbewußte) Ursachen haben können, und begeben uns dann auf die Suche nach Antworten und/ oder Hilfe. Natürlich gibt es auch die Verdrängungsmethode. Doch obwohl wir heute so viele Möglichkeiten zum Verdrängen haben wie nie zuvor, bricht sich die Unzufriedenheit und das Unbehagen bahn. Man denke nur an die Masse der Talkshows, in denen Menschen die Verdrängung offensichtlich nicht mehr aushalten und einen Ausweg suchen (von den anderen Intentionen zum Mitmachen einer solchen Show mal abgesehen) und an die vielen Psychotherapeuten.
In der Beichte sind wir nicht allein, sondern können mit einer Person unseres Vertrauens erste Schritte auf Gott zu machen. Oder wir stehen schon mehr oder weniger fest im Glauben, dann können wir - ebenfalls ohne allein sein zu müssen - uns von Gott stärken lassen, unseren Glauben stärken, indem wir ihm unsere Sünden/ unsere Schuld vorlegen und dann wirkliche Vergebung empfangen dürfen. Denn der Glaube und die Vergebung der Sünden bedeutet nicht, daß es ab dann keine Sünde mehr gibt oder daß man sich nicht mehr daneben verhält, sondern es bedarf immer wieder neu der Vergebung, d.h. eben der Beichte. In den Worten von Härle: Beichte ist der entscheidende Schritt, die Sünde zu entmachten und in der Zusage Jesu "Deine Sünden sind dir vergeben" neues "erfülltes Leben, also Heil" zu empfangen (Härle,S.569). Deshalb gehört die Beichte auch zu den Heilsmitteln, da durch sie Heil erfahren und empfangen wird.
Natürlich darf man nicht verschweigen, daß die Beichte in gewisser Weise immer auch eine negative Seite hat, die uns ganz bestimmt nicht schmeckt. Wir müssen nämlich über unseren eigenen Schatten springen, um das ekelhafte Gefühl zu überstehen, das man hat, wenn man Schuld vor einem anderen bekennt, egal wie vertrauenswürdig die Person auch ist. Die Beichte schmeckt bitter, bevor man die Vergebung erbitten und zugesagt bekommen kann. Wer gesteht sich schon gerne ein, was er falsch gemacht hat oder was er erleidet hat usw.?
Doch das Positive daran ist wiederum, daß wir zum einen endlich mal das ausdrücken müssen, was uns belastet. Wir können also alles in uns endlich mal klären und ordnen. Wenn wir es dann noch aussprechen, ist das ungeheuer befreiend. Ordnung und Abgeben dessen, was uns belastet, bedeutet Befreiung.
Zum anderen bekommen wir nicht nur die Zusage, daß uns von Gott vergeben wird, sondern wir dürfen uns dann - was bestimmt das Schwierigste ist - uns auch selbst vergeben. Das erfordert sicher viel Zeit und Gespräch mit dem man die Beichte macht. Aber auch das befreit und erfüllt ungemein.
Und schließlich dürfen wir (laut kleinem Katechismus s.o.) fest darauf vertrauen und beruhigt sein, daß uns die Sünden auch tatsächlich von Gott vergeben wurden.
Das ist mit Beichte gemeint! Ein Geschenk Gottes!
Warum kommt die Beichte heute so schlecht weg?
Das hat mehrere Ursachen. Die Reformation hat selbst auf eine Fehlentwicklung reagiert. Denn die röm.-kath. Kirche hatte es lang davor zur Regel gemacht, daß man mindestens einmal im Jahr zur Beichte gehen muß. Es wurde also ein Zwang der Beichte aufgedrückt. Zusätzlich stellte die röm.-kath. Kirche nicht nur die Beichte unter die Pflicht, sondern ließ die Sündenvergebung nur dann gelten, wenn auch wirklich alle Sünden aufgezählt worden waren. Daß das nicht möglich ist, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. Durch diesen Zwang und Druck geriet die Beichte in Mißkredit. Nicht mehr weil die Menschen nach Vergebung Sehnsucht hatten, sondern weil es Pflicht war, mußten sie zur Beichte. Und dann konnten sie noch nicht mal sicher sein, ob die Vergebung nun gültig war oder nicht. Daß dies zur Angst und Verzweiflung führt, dürfte wohl jedem klar sein. Das hat nichts mit der eben erwähnten "negativen Seite" der Beichte zu tun, welche ja produktiv ist und positive Folgen hat.
Aber ab der Reformation begann dann eine Fehlentwicklung nun bes. in der Ev. Kirche, die gerade in die andere Richtung schlug. Der Zwang war zwar jetzt aufgehoben, aber dafür verlor die Beichte (weil sie ja teils auch unangenehm sein kann) an Bedeutung, was mehr als beklagenswert ist. Dazu hat Pöhlmann die folgenden scharfen Worte geschrieben, die ich sehr passend finde:
"Kurz ein paar Anmerkungen zu dem - heute wohl am meisten von dem sakramentalen Schwund betroffenen - Heilsmedium der Beichte, das aus der Seelsorge in die Psychotherapie ausgewandert zu sein scheint [kritische Anmerkung: Findet oder kann Beichte denn nur in oder als Seelsorge stattfinden?]. Es erübrigt sich, darauf hinzuweisen, wie wichtig gerade dieses Heilsmedium heute im Zeitalter der Angst und Einsamkeit ist (die Artwortlosigkeit des modernen Menschen!) und wie wenig es unbegreiflicherweise in unserer Kirche angeboten wird (...). Daß man lieber dem Psychotherapeuten [kritische Anmerkung: Psychotherapeuten haben zweifellos eine wichtige Aufgabe. Pfarrer können von ihnen bestimmt auch (noch) viel lernen. Aber die Zusage der Sündenvergebung im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes als Kern der Beichte fehlt dort. Sie kann aber durch nichts anderes wettgemacht werden.], dem Arzt oder jemandem aus der Primärgruppe als dem Pfarrer beichtet, hängt sicher nicht nur mit der Identitätskrise des Pfarrberufs und seinem schwankenden Rollenbild (...), sondern mit der Säkularisation überhaupt zusammen. (...) Der Pfarrer kann sein Amt, "Versöhnung zu predigen" (2Kor5,18) weithin gar nicht mehr ausüben. Gewiß: die Predigt der Versöhnung geschieht noch im Gottesdienst, aber sie muß in dem Augenblick ihre Konkretion verlieren, in dem in der Gemeinde nicht auch gebeichtet und absolviert wird (W. Böhme)". (Pöhlmann,S.312).
Es gilt also, den schlechten Ruf der Beichte loszuwerden und gleichzeitig die große Bedeutung der Beichte, die für Christen so wichtig und sinnvoll ist, zu stärken und bekannt zu machen. Vielleicht können Sie ja entsprechende Gedanken in Ihre Gemeinde einbringen. Oder sie fragen nach Möglichkeiten, um selbst zu beichten. Oder Sie sprechen in einem Hauskreis darüber. Es gibt viele Möglichkeiten, wie wir die Beichte wieder ins Bewußtsein der Christen, der Kirche und sehr wohl auch der Nichtchristen bringen.
Formen der Beichte
Es gibt ganz unterschiedliche Formen der Beichte. Traditionellerweise gibt es v.a. die Einzelbeichte, die bisher immer hier im Blick war, die Beichte also vor einem anderen Menschen, die allgemeine Beichte , die z.B. in einem Beichtgottesdienst stattfindet oder in der Eingangsliturgie des Hauptgottesdienstes, und schließlich gibt es noch die Herzensbeichte, in der wir allein vor Gott im Gebet unsere Schuld und Sünde bekennen. So sehr die letzteren Formen sinnvoll und wichtig sind, können sie meiner Meinung nach die Einzelbeichte nicht ersetzen. Das Erzählen unserer persönlichen Probleme, die Nähe eines vertrauenswürdigen Menschen und die direkte Zusage der Sündenvergebung von Gott durch diesen Menschen (ruhig auch durch eine Zeichenhandlung), treffen uns selbst doch am besten. Springen Sie über ihren Schatten und kommen vor Gott mit einer Person, der Sie vertrauen!
Wie in einer Beichte vorgegangen wird, in was für einem Raum sie stattfindet, ist völlig individuell. Man sollte ich jedenfalls dort wohl- und sicherfühlen können. Man sollte sich auch keinem Druck unterstellen, daß man jetzt und sofort mit dem auspacken muß, was einem Schwierigkeiten bereitet. Vielleicht bekommt man es einfach noch nicht über die Lippen. Dann eben ein andermal! Man kann ein Beichtgespräch auch ruhig dazu nutzen, Fragen zum Glauben und zum eigenen Leben zu stellen. Dadurch bekommt die Beichte eine ganz andere Bedeutung, als wenn sie immer nur und ausschließlich mit negativen Problemen behaftet wird. Sie will ja gerade Befreiung und Leben schenken! Gewiß, manchmal gehört zur Beichte auch eine Portion Disziplin, wie ich es an mir selbst immer wieder merke. Schließlich drücken wir uns oftmals geschickt vor Anstrengung oder Unangenehmen. Und erst hinterher wird einem klar, was wir in der Beichte doch für ein Geschenk haben! Am besten macht man einen Termin aus, den man nicht wieder ganz so leicht los wird als unser ständiges Verschieben "Ach, mache ich es doch morgen."!
Meistens ist es wichtig, daß die Person, die Ihnen zuhört zwar einerseits vertrauenswürdig ist, andererseits aber ihnen nicht zu nahe steht, so daß sie nicht befangen sind. Außerdem sollte man nicht das Beichtgeheimnis vergessen. Wenn auch jeder in der Gemeinde als Christ, die Beichte abnehmen kann, ist die Einhaltung des Beichtgeheimnisses nur bei speziell dafür beauftragten Personen wie z.B. Pfarrern und Seelsorgehelfern kirchlich garantiert. Selbst der Staat respektiert das Beichtgeheimnis bei Pfarrern uneingeschränkt!
Vor allem und neben allem anderen aber: Vertrauen Sie auf Gott!
Verwendete Literatur
HÄRLE, WILFRIED: Dogmatik, Berlin, 2-2000.
PÖHLMANN, Abriß der Dogmatik, Gütersloh, 5-1990.
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