2.1 Hans Joachim Störig
Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Frankfurt am Main, 1995.
2.1.1 Kierkegaards Anthropologie (als ersten Pol seines Denkens)
- Von ihm geprägt "Dialektische Lyrik". Da Kierkegaard keine allgemeinen, etwa ethische, Probleme behandelt, kann er nur vom einzelnen, bestimmten Fall zwischen einzelnen, bestimmten Personen sprechen, wie ein Dichter. --> Er ist also "Denker und Dichter".
- Fast die ganze Philosophie vor ihm hat ja dies gemeinsam, daß sie großen, allgemeinen Fragen nachgeht.
- Nach Kant ist es sogar das Wesen des Ethischen, daß seine Prinzipien allgemeine, "kategorische" Geltung beanspruchen können.
- Der Einzelne könne, so meinte man, in seiner jeweiligen Situation seine Einzelfragen aus den einmal gefundene allgemeinen Prinzipien wie von selbst ergeben.
- Kierkegaard denkt anders: "Soll ich, dieser bestimmte Mensch in dieser augenblicklichen bestimmten Lage, dies oder jenes tun?" ist eine "praktische Einzelfrage" und damit ein "existentielles Problem, auf das die Philosophie gerichtet sein muß, wenn sie sinnvoll sein soll: ‚Während das objektive Denken gegen das Subjekt und dessen Existenz gleichgültig ist, ist der subjektive Denker als existierender an seinem Denken interessiert, er existiert ja darin' ... ‚ Nur das Erkennen, das sich wesentlich zur Existenz verhält, ist wesentliches Erkennen.'
- Dabei ist Existenz = innerster, unfaßbarer, personaler Kern des Einzelmenschen; das Selbst.
- Das Selbst ist aber = ‚ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder das an dem Ver-hältnis, daß das Verhältnis sich zu sich selbst verhält.'
- Das Selbstsein des Menschen ist = ein Prozeß, als eine Folge der Momente, in denen er jeweils die Synthese aus Unendlichkeit und Endlichkeit vollzieht, welche der erfüllte Augenblick darstellt.
- --> D.h., der Mensch ist zutiefst geschichtlich, die Zeitlichkeit des Selbst bis zu seinem eigenen Tod ist sein konstituierendes Element.
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2.2 dtv- Atlas
dtv-Atlas: Philosphie, 7. Auflage, München, 1998.
2.2.1 Die konkreten Existenzbedingungen
- Kierkegaards Ausgangsfrage: Wie komme ich als existierendes Subjekt in ein Verhältnis zu Gott?
- Dazu müssen die Existenzbedingungen geklärt sein, d.h.‚ mich selbst in Existenz zu verstehen' (gg. den Typus des ‚abstrakten Denkers': Da der abstrakte Denker immer auch selbst eine konkrete Existenz ist, wird er zu einer ‚komischen Figur', wenn er sich diese Grundlage seines Daseins und Denkens nicht eingestehen will.
- --> führt zum "subjektiv-werden": ‚..daß das Erkennen sich zu dem Erkennenden verhält, der wesentlich ein Existierender ist', denn ‚die einzige Wirklichkeit, um die ein Existierender nicht bloß weiß, ist seine eigene Wirklichkeit, daß er da ist; und diese Wirklichkeit ist sein absolutes Interesse'.
- --> Menschliche Existenz = Zentrum
- --> Frage: Was ist der Mensch?
- Der Mensch ist eine Synthese von Unendlichkeit und Endlichkeit etc.
- Eine Synthese ist ein Verhältnis zwischen Zweien.
- Damit ist er aber noch kein Selbst, denn ‚Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder ist das am Verhältnis, daß das Verhältnis sich zu sich selbst verhält.'
- Der Mensch erwirbt sein Selbst erst dadurch, daß er sich bewußt zu der Synthese seines Seins verhält.
- --> Das Selbstsein ist dem Menschen also nicht einfach gegeben, sondern Aufgabe, deren Verwirklichung seiner Freiheit aufgegeben ist.
- --> Möglichkeit des Mißverhältnisses zwischen dem Menschen zu seiner Synthese (also zu seinem Selbst)
--> verfehlt so bewußt oder unbewußt sein Selbst = Verzweiflung
- --> Gott schuf den Menschen als Synthese, d.h., daß der Mensch mit dem obigen Mißverhältnis vor Gott steht.
- --> Sünde = "Vor Gott nicht man selbst sein zu wollen".
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2.1.2 Der christliche Glaube (als zweiter Pol seines Denkens)
- Kierkegaard wollte durch einiges (z.B. das Aufzeigen ursprünglicher, überlieferter Lebensweisen wie das ästhetische Genießen) bewirken, daß die Menschen jenseits der Menge wieder zu Einzelnen werden, aber nicht zu Einzelnen für sich, sondern zu ‚Einzelnen vor Gott'.
- Kierkegaard klagt vor allem die "laue, bürgerliche, äußerliche Kirchlichkeit an. (Was hat der Glaube, daß Gott in Jesus Christus Mensch geworden und in der Welt erschienen ist, was hat dieser Glaube, der dem Verstand ewig paradox, ja absurd erscheinen muß, der uns nur geschenkt werden kann als eine Gnade von oben her" mit dieser frommen Scheinheiligkeit zu tun?
- --> Nennt dies Unredlichkeit. Diese will er bis zu seinem Lebensende bekämpfen. "Er wagt noch nicht einmal zu behaupten, daß er für das Christentum kämpfe oder daß er selber ein Christ ist. Das Christentum steht ihm so hoch, daß er es nicht wagt, sich einen Wahrheitszeugen oder gar einen Märtyrer zu nennen."
- ‚Ich darf mich nicht einen Christen nennen, aber Redlichkeit will ich, und zu dem Ende will ich wagen.' In dieser Überzeugung - er, der ewig grübelnde Zweifler, war gewiß, wenigstens in diesem Kampfe Gottes Willen zu tun - ist er gestorben.
- Die Ärzte konnten keine Krankheit feststellen.
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2.2.2 Der Weg des Einzelnen zum Glauben
- Diesen Weg beschreibt Kierkegaard anhand drei verschiedener Stadien:
- Das Ästhetische Stadium
- Mensch lebt in der Unmittelbarkeit, d.h., er hat sich noch nicht als Selbst gewählt. Er lebt im und vom Äußerlichen und Sinnlichen, nach der Devise: ‚Man soll das Leben genießen".
- --> Da er aber in der Verwirklichung dieser Lebensform vom Äußerlichen, d.h. von dem, was nicht in seiner Macht steht, abhängig ist, zeigt sich die uneingestandene Grundstimmung des ästhetischen Daseins als Verzweiflung darüber, daß ihm die Bedingungen genommen werden können.
- Das Ethische Stadium
- Wenn der Einzelne sich in seiner Verzweiflung selbst wählt, kommt er in das ethische Stadium. Die eth. Existenz hat sich als Selbstsein gewählt und damit die Unabhängigkeit vom Äußerlichen gewonnen, sie ist Subjekt von Entscheidungen, das Leben erhält Ernst und Kontinuität.
- Aber auch dieses Stadium vermag sich nicht zu vollenden. Denn in der Möglichkeit der Schuld erkennt der Ethiker, daß er nicht im Besitz der Bedingungen ist, ethisch ideal zu leben, weil er unter der Sünde steht.
- Religiöses Stadium
- Der Mensch, der sich als Sünder erkennt, begreift, daß er im christlichen Verständnis nicht sich allein aus der Sünde befreien kann, weil allein Gott die Bedingung der Wahrheit geben kann:
- Inhalt des Glaubens ist das Paradox, daß das Ewige in die Zeit gekommen ist, d.h. der Gott Mensch geworden ist.
- Da aber der Gott zu den Menschen kommen mußte, um ihnen die Wahrheit zu geben, vermag der Mensch nun nicht von sich aus zur Wahrheit zu gelangen, sondern er muß vom Gott die Bedingung erhalten. Im Glauben gründet sich der Mensch vorbehaltlos in Gott.
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